Normandie: Mönche und Forellen

Bei meinem Besuch in der Normandie in diesem Frühjahr habe ich zwei tolle Typen kennengelernt. Der eine ist ein kluger Mönch, dessen Brüder Bier brauen. Der andere ist ein lässiger Forellenzüchter, dem das Leben mit der Natur mehr bedeutet als der Profit. Für alle, die schon ahnen, dass die Normandie mehr als Strände zu bieten hat (und für alle anderen auch), kommt hier ein kleiner Text.

_20170723_130851Aktuell sind die Äpfel in der Normandie bestimmt schon ein ordentliches Stück größer geworden. Aber auch schon im Frühling konnte ich ahnen, dass aus ihnen mal was Leckeres wird. Zum Beispiel Cidre, ein sehr spritziger Apfelschaumwein und eine normannische Spezialität…

„Begegnet“ sind mir die frechen Früchtchen auf meinem Weg zur Abtei Saint Wandrille de Fontenelle. Die mächtige Abbaye in Wandrille de Rancon wird schon seit dem 8. Jahrhundert von Benediktinermönchen bewohnt. Ihr Lebensmotto: Ora et labora et lege. Bete, arbeite und lies. Zum Arbeitsleben der Mönche gehört es, Bilder zu restaurieren, ihre gregorianischen Gesänge aufzunehmen & zu verkaufen, Gäste durch die Abtei zu führen und süffiges Bier zu brauen. Seit 2015 kümmern sich zwei der Brüder darum, dass etwas Würziges in die Flaschen kommt.

Ora et labora

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In der Abtei Saint Wandrille de Fontenelle, Normandie

Mitten im Grünen befindet sich das imposante Gotteshaus. Es ist aus Kreidestein erbaut, den man hier in der Gegend entlang der Seine überall findet. Von der im 8. Jahrhundert erbauten Arbeit ist heute kaum noch etwas da, sie wurde einst von den Wikingern zerstört – und das sollte nicht der einzige Neustart für die Mönche bleiben. Zwischendrin ist einmal alles abgebrannt, weil ein Mönch beim Lesen nicht aufgepasst hat und sein Kerzenlicht fast alles in Schutt und Asche legte. Teile des Gebäudes sind im gotischen Stil gebaut. Teile im klassizistischen. Während der Französischen Revolution wurde das Gotteshaus sogar einmal als Steinbruch genutzt.

Hinter den kleinen Fenstern (im ersten Bild) haben die Mönche ihre Zimmer. Karg eingerichtet. Außerdem befindet sich im Haus eine uralte Bibliothek, in der laut Bruder Lucien alle Bücher der Welt stehen. „Sogar Asterix“, sagt der Mönch schmunzelnd. Jeder Mönch liest für sich. Und bekommt während der Mahlzeiten vorgelesen. Manche Teile der Abtei sind bis heute nur als Ruinen erhalten. Denn die Mönche finanzieren den teuren Aufbau und Erhalt ihres Heimes selbst. Hilfe beim Restaurieren bekommen sie u.a. von straffällig gewordenen Jugendlichen. Ein soziales Projekt, das die Mönche initiiert haben, um den Kids eine Chance und eine Berufsausbildung zu geben. Der Kreuzgang der Abtei ist u.a. mit Hopfenabbildungen geschmückt. Die gibt es da schon seit dem 14. Jahrhundert – vielleicht haben sie die Mönche dazu animiert, mit dem Bierbrauen anzufangen?

Bruder Lucien

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Bruder Lucien, Saint Wandrille

Das ist Bruder Lucien. Er empfängt die Gäste in seiner Abtei. Da sieht man ihn am Eingang schon mal gleichzeitig am Telefon, mit Gästen plaudern und eine Journalisten-Gruppe aus Deutschland bespaßen 😉 Klingt nach Lärm und Stress? Ist es bestimmt auch. Aber es ist wichtig für ihn, den Menschen, die sich für die Abtei interessieren, einen Einblick zu geben. Dafür unterbricht er gerne mal sein gewohntes Schweigen.

Und so erzählt uns Bruder Lucien, was er genau unter Ruhe und Schweigen versteht. Zum Glück haben wir Sawina vom Tourismusbüro der Normandie dabei. Sie übersetzt die ganze Zeit fleißig! Schweigen bedeutet für den gewitzten und klugen Mönch nur zu reden, wenn er auch etwas zu sagen hat. Wenn er zum Beispiel einem Bruder ein Rezept vermitteln möchte. Dann erklärt er ihm, wie er zu kochen hat. Aber er bespricht nicht gleichzeitig die Fußballergebnisse vom letzten Wochenende (okay, gibt er zu, Fußball interessiert ihn eh nicht so dolle…). So ein „zweifaches“ Gespräch wäre in Bruder Luciens Welt nur Lärm. Unnötiger Lärm. Und es gibt noch etwas: Wenn der Mönch schweigt, tut er dies nicht in erster Linie für sich. Er schweigt vor allem für seine Mitbrüder. Vielleicht will einer in aller Ruhe ein Buch lesen oder seinen Gedanken nachhängen oder seine Arbeit konzentriert verrichten? Warum sollte Bruder Lucien ihn also dabei stören?!? Eine ziemlich gute Einstellung, wie ich finde.

Das Bier

_20170723_131227Und das ist das Bier. Ganz schön lecker muss ich sagen! Die Zutaten wie Hopfen und Getreide kommen alle aus Frankreich. Die Idee dazu hatten die Mönche erst im Jahr 2015. Doch dann packten sie richtig an, gingen in die Fremde, um das Brauen zu lernen. Und bereits seit 2016 werden die Flasche, die man im Abtei-Landen kaufen kann, abgefüllt.

In dem Shop bekommt ihr neben leckerem Senf und Karamellbonbons aus Saint Wandrille auch Bücher. Sowie viele Köstlichkeiten aus anderen Abteien Frankreichs. Ihr solltet also unbedingt eine große Tasche dabei haben, wenn ihr einen Abstecher nach Saint Wandrille de Rancon macht.

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Fachwerk in Saint Wandrille

Das kleine Örtchen Saint Wandrille bietet neben der Abtei traumhafte Fachwerkhäuschen und ein charmantes Restaurant. Das O Pt’it Troquet – oder auch liebevoll Chez Sophie genannt – ist im Ort sehr beliebt. Lange Zeit gab es kein Restaurant dort. Doch dann konnten sich Köchin Sophie und die Stadt einigen. Gemeinsam sorgte man nun dafür, dass Einheimische und Gäste wieder einen tolles Lokal zum Essen und sich Treffen hatten. Hier gibt es natürlich das Bier der Mönche und regionale normannische Speisen. Auf der Karte stehen z.B. auch die Forellen von Marc Genet.

O Pt’it Troquet
Rue de I’Oiseau Bleu
76490 Saint Wandrille de Rancon

Der Fischzüchter

_20170723_130648Die schaut aber grimmig! Das liegt vielleicht daran, dass die Kuh keinen Fisch mag? Oder sie hat einfach nur einen schlechten Tag. Was eigentlich gar nicht sein kann, denn die Sonne scheint und der Himmel ist blau…

Egal. Kehren wir den Kühen den Rücken und kümmern uns lieber um die Forellen, die im Flüsschen nebendran fröhlich schwimmen. Noch! Denn schon sind die ersten Leute da, auf deren Speiseplan heute Abend eines steht: Regenbogenforelle.

Die Pisciculture de Saint Wandrille gibt es seit ca. 1920. Sie war eine der ersten im Inland der Normandie. Erst zu diesem Zeitpunkt war es möglich, die Regenbogenforellen künstlich zu befruchten – und somit zu züchten. Seit 1981 kümmert sich Marc Genet um die Tiere. Sie stammen aus den USA, eine Sorte, die schnell wächst. Er füttert sie mit Fischmehl und gekochtem Soja. Ansonsten genießen die Forellen das tolle klare Flusswasser der Fontenelle, die immer ca. 11 Grad hat.

Auf den Tisch

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Marc Genet und sein Hund

Marc Genet gehören die rund 30.000 Fische, die hier leben. Aber nicht der Grund und Boden. Er verkauft die Regenbogenforellen – die er uns zur Ansicht gerne mal einfängt – nur an Menschen, die zu ihm kommen. Kein Vertrieb über Fischhändler oder ähnliches. Er verkauft an die Einwohner der Stadt. An Chez Sophie, natürlich. Und auch an David Görne, mit einem Stern ausgezeichneter Spitzenkoch aus Deutschland, der in Caudebec-en-Caux sein Restaurant hat. Andere Restaurants oder auch Hotels kaufen meist nicht bei Genet, da der Fisch immer frisch ist und niemals eingefroren wird. Und die meisten Restaurantbetreiber verwenden lieber gefrorenen Fisch, den sie besser portionieren und auf mehrere Tage verteilt anbieten können. Irgendwie klar und irgendwie schade…

Pisciculture de Saint Wandrille
50 route de Caillouville
76490 Saint Wandrille de Racon

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Blau, grün, weiß – im Inland der Normandie 

 

 

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