Überraschung: Dinner im Dunkeln

In Frankreich kann man fantastisch essen gehen. Und Überraschungen erleben! Meine liebe Cousine und ihre neunjährige Tochter haben beschlossen, mich mit einem ganz besonderen Dinner zu überraschen. Einem, bei dem ich eine Sache nicht machen kann, die ich eigentlich immer mache, FOTOGRAFIEREN. Und so kommt hier eine Restaurant-Rezension (fast) ganz ohne Fotomaterial. Ich hoffe, sie schmeckt euch trotzdem…

_20170615_125922Shakespeare ist ein wirklich kluger Mann! Denn es ist immer gut, sich neuen Dingen zu stellen. Etwas auszuprobieren und sich mal außerhalb seiner Komfortzone zu bewegen. Dabei kann man ja nur etwas lernen und (meistens) viel gewinnen.

Besonders gut kann man all das im Restaurant Dans le Noir? in der Rue Quincampoix. Hier, wo Shakespeare und andere Persönlichkeiten, die einmal etwas Wichtiges über die Dunkelheit gesagt haben, über dem Eingang hängen, sammelt man ganz neue Sinnes-Eindrücke. Wie das geht, lest ihr hier:

Neue Erfahrungen

Bis ich vor dem Dans le Noir? stehe, habe ich nur eine leise Ahnung, was mich an diesem Abend erwarten würde. Denn er ist eine von meiner Familie organisierte Überraschung. Vielleicht will mich meine Cousine auch ein kleines bisschen ärgern, denn eine Sache ist hier absolut unmöglich: sein Essen zu fotografieren.

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Vor dem Dans le Noir?, Paris

Am Empfang des Dunkel-Lokals geht es spannend und auch sehr freundlich zu. Wir werden charmant begrüßt und mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut gemacht. Alle unsere Jacken und Taschen kommen in ein Schließfach, die brauchen wir später nicht. Das Essen (man kann zwischen verschiedenen Menü-Größen und Getränken wählen) bleibt auch jetzt eine Überraschung. Und wer eine Allergie hat oder etwas gar nicht mag, bekommt die Gelegenheit, seinen Wunsch zu äußern. Aber da ich nur sehr wenige Sachen gar nicht esse und meistens probiere, lasse ich die Überraschung komplett zu – und schließe nichts aus. Auch meine neunjährige Nichte ist begeistert dabei!

Los geht es!

Bevor wir an unseren Tisch geführt werden, lernen wir Karim kennen, unseren Kellner für den Abend. Wie alle anderen Kellner im Dans le Noir? ist Karim blind. Und somit mit einem Leben in Dunkelheit bestens vertraut. Seine ruhige Art und angenehme Stimme wird uns noch so manchen komischen Moment an diesem Abend gut überstehen lassen!

Karim nimmt einen von uns an die Hand, die anderen fassen sich an die Schulter – und los geht es im Gänsemarsch in die Dunkelheit. Hinter dem dicken Vorhang am Eingang zum Gastraum ist es tatsächlich stockdunkel. Ich sehe nichts und daran wird sich auch den ganzen Abend über nichts ändern. Die kleine Hoffnung, dass ich mich an den Umstand gewöhnen und vielleicht doch ein wenig sehen kann, zerschlägt sich ziemlich schnell.

Im Raum ist es laut – oder kommt es mir nur so vor, weil meine anderen Sinne plötzlich für die Augen mitarbeiten müssen? Karim legt seine Hand auf meinen Arm, weist mir den Stuhl und lässt mich Platz nehmen. Mit meinen Händen fühle ich, dass der Tisch rund ist, meine Familie rechts neben mir sitzt. Links sind noch Plätze frei. Ich ertaste meine Serviette, das Besteck und ein leeres (!) Wasserglas.

Und da kommt auch schon die Vorspeise. Was nun? Wir beraten uns kurz und beschließen, mit Gabel und Fingern zu essen. Das erscheint nur logisch, denn mit den Fingern lassen sich die Komponenten auf dem Teller einfach besser ertasten. Ich fühle einen Cracker, Salatblätter und etwas Fleischiges. Die Salatsoße riecht in meiner Nase frisch und sauer. Der Cracker ist knusprig und steckt in einer Paste, die ich schnell als Hummus identifiziere. Das Fleischige ist ganz klar eine Jakobsmuschel. Die hatte ich vorher noch nicht so oft, erkenne sie aber gleich an der Konsistenz und dem zarten Geschmack. Schade, dass ich sie nicht sehen kann! Inzwischen gibt es Brot, und wenn ich es mal gefunden habe, dann lässt es sich ganz unkompliziert essen 😉 Noch einmal mit den Fingern über den inzwischen leeren Teller getastet – und schon ist der erste Gang vorbei.

Im Raum ist es immer noch unruhig, größere Gruppen lachen und raten laut, was sie da wohl gerade essen. Auch wir sitzen nicht mehr allein. Ein Pärchen wurde an unseren Tisch geführt. Lustig: Er spricht etwas deutsch, besser als englisch… Von ihr bekomme ich nicht viel mit, da sie so weit weg sitzt und ich ihre Sprache nicht spreche. Ich kann mir nicht einmal optisch einen Eindruck machen… Mit meinem Weinglas muss ich jetzt aufpassen, wo habe ich es abgestellt? Ist es überhaupt mein Glas? Oder trinke ich schon aus dem vom Nebenmann? Ihm geht es zum Glück ähnlich. Wir retten sein Glas bevor er es auf meinem Tellerrand abstellen möchte.

Ach ja, das Wasser ist da. Zum Eingießen halte ich den Finger ins Glas, so merke ich zumindest, ob hier gerade etwas überläuft.

Der Überraschungs-Hauptgang

Jetzt wird es ein bisschen peinlich. Der Hauptgang ist da, und ich bin mir einfach nicht sicher, was es gibt. Ja, es ist Selleriepüree dabei – das mag ich mit und ohne Licht nicht so – und ein Töpfchen, in dem ein leckerer Linsensalat steckt. Doch ist das da Fleisch oder Fisch. Ich denke, dass es beides sein könnte oder eine Mischung. Huhn vielleicht? Und ein weißer Fisch? Meine Nichte liebt das Püree, steht aber nicht so auf das Huhn-Fisch-Dings. Also tauschen wir. Sie drückt mir ein Fleischstück in die Hand (sieht ja keiner…) Und ich nehme ihre Gabel und fülle sie mit Sellerie. Alle sind happy!

Zwischen den Gängen tasten wir immer ein wenig nacheinander. Wenn man den anderen neben sich spürt, ist das Gefühl in der Dunkelheit weniger bedrückend. So richtig zum Reden kommen wir nicht, dafür ist es einfach zu laut um uns herum. Gemütlich würde ich es auch nicht nennen. Und: Mir fehlt die Luft! In der Dunkelheit habe ich oft das Gefühl, nicht atmen zu können. Darum schließe ich auch niemals die Rollläden am Fenster komplett. Ein kleiner Lichtschein kommt nachts noch rein? Prima! Übrigens könnte es sein, dass wir in einem Gewölbe sitzen. Die Gespräche von den anderen Tischen scheinen irgendwie auf einer anderen Ebene, irgendwo tiefer, stattzufinden. Ob das stimmt? Keine Ahnung.

Und dann kommt der Nachtisch. Ich ertaste Kuchen und Eis. Leider alles ohne Schokolade… Meine Cousine, die gerade lieber kein Mehl isst, bekommt keinen Kuchen. Dafür hat sie die erhoffte Schokolade. Mit ein wenig tasten, finden sich unsere Hände – und ich beruhige mich ein wenig, während ein Stück Schokolade mit Chili auf meiner Zunge schmilzt.

Die Auflösung

Nach dem Essen sitzen wir noch kurz zusammen und versuchen, die Eindrücke zu verarbeiten. Dabei sind wir ein bisschen müde. Der Körper reagiert einfach auf die absolute Dunkelheit. Zum Glück kommt Karim und erlöst uns!

Im Gänsemarsch geht es nun wieder raus ans Licht. Karims Tipp: Wir sollen lieber auf den Boden schauen, um uns erst langsam an die Helligkeit zu gewöhnen. Am Empfang verabschieden wir uns von unserem guten Geist des Abends (der uns übrigens auch auf die Toilette gebracht hat…) und das Geheimnis wird gelüftet! Was haben wir denn nun gegessen?!? Auf Fotos (sehr witzig!) wird uns unser Menü vorgestellt. Die Vorspeise sieht sehr hübsch angerichtet aus – und wir waren richtig gut beim Herausschmecken. Der Hauptgang lässt uns peinlich berührt zurück. Denn wir hatten weder Huhn, Lamm oder einen weißen Fisch. Es gab Thunfisch!!! Den hatte keiner von uns auf der Rechnung. Ganz schön blöd 😉 Und der Nachtisch? Ich fand ihn ein bisschen weihnachtlich, hatte irgendwas mit Zimt in Verdacht. Doch der Zimt stellte sich schließlich als Tonkabohne heraus. Oh. Die hatte ich zuvor noch nie.

Und dann haben wir noch eine Frage. Ja, sagt man uns, Geschirr und Gläser sind aus Melamin und Plastik. Es wäre sonst wohl auch zu gefährlich. Wir diskutieren noch ein bisschen über unser Essen, die Lautstärke im Raum und dann holen wir unsere Sachen aus dem Schließfach und fahren ganz aufgeregt und ein bisschen geschafft nach Hause. Was für eine Erfahrung!

Mein Fazit

Wer mal etwas besonderes ausprobieren möchte, für den ist so ein Dinner im Dunkeln genau das richtige. Man schärft die anderen Sinne, probiert und schmeckt ganz neu. Aber die ganze Sache ist auch anstrengend! Wer – wie ich – ein wenig Lärmempfindlich ist, wird ganz schön gefordert. Denn irgendwie sprechen im Dunklen alle plötzlich viel lauter. Oder kommt es mir nur so vor? Und das Essen? Ach ja, das Essen war wirklich gut, manche Komponenten fand ich richtig gelungen. Und doch gehört für mich die Optik zum Erlebnis „Essen“ einfach dazu. Und ich freue mich auch, wenn ich mein Gegenüber am Tisch sehen kann. Aber gelohnt hat sich er Ausflug in die Dunkelheit allemal. Danke euch beiden für das tolle Geschenk!

Dans le Noir?
51 Rue Quincampoix,
75004 Paris, Frankreich

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